Auf den Straßen marschiert der rechte Mob

Udo Lindenberg: Sie brauchen keinen Führer (1984)

„Musikalisch ist das Konzert von Udo Lindenberg und seinem Panikorchester so ziemlich das Dürftigste, das ich in den letzten Jahren von einer Profi-Gruppe gehört habe“, schreibt ein Kritiker der „Zeit“ im Oktober 1985. Die Musiker lieferten „Akkordgerüste, die sich voneinander kaum mehr unterscheiden als die Rohbauten einer Reihenhaussiedlung,“ wettert der Rezensent. „Unter ihren Händen klingt die Musik so unwichtig wie sie tatsächlich ist.“ Einen „Alt-Rockstar“ nennt er Lindenberg, den „Senior der deutschen Rockmusik“ – und das vor jetzt auch schon wieder dreißig Jahren. Den Sänger aus Gronau, den mag er wirklich nicht.

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Die Kritik gipfelt in einer bösen Gleichsetzung: „In seinem Beitrag zum Thema ‚Ausländerfeindlichkeit und Neonazis‘, dem Song ‚Sie brauchen keinen Führer‘, wird gerade dieser Refrain, der eigentlich die Gefährlichkeit der neuen Nazis beweisen möchte (‚Denn sie brauchen keinen Führer/diese neuen Nazi-Schweine‘), vom Publikum so mitgegrölt, als sei es selbst gemeint, das fortschrittliche, aufgeklärte linke Publikum, das wahrhaftig keinen Führer braucht.“ Der Kritiker, selbst studierter Kontrabassist und Pianist, hat inzwischen den Beruf gewechselt und verdient sein Geld mit der Anleitung esoterischer Tanzkurse. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lindenbergs Neonazi-Song erschien 1984 auf der LP „Götterhämmerung“. Er stand neben dem Spaßsong „In 15 Minuten sind die Russen auf dem Kurfürstendamm“ und der Ankündigung „Hallo DDR“, in Erwartung einer Tournee durch das andere Deutschland, die jedoch von den dortigen Behörden abgesagt wurde. Lindenberg hatte sich in den siebziger Jahren ein ganzes Ensemble von Kunstfiguren geschaffen, eine Rockrevue geschrieben, die Theaterregisseur Peter Zadek inszenierte, und einen grotesk schrägen Film gedreht. Doch er erinnerte sich regelmäßig daran, dass Rock immer auch eine Musik der Auflehnung und der politischen Anliegen gewesen war.

Und das war die Lage in Deutschland: Den Regierungswechsel von der sozial-liberalen Koalition unter Helmut Schmidt zur schwarz-gelben Koalition bezeichnete die erste Regierung Helmut Kohl hochtrabend als „geistig-moralische Wende“. Und die bedeutete eine populistische Politik auf dem Rücken der Zuwanderer. In die Koalitionsvereinbarung schrieben CDU/CSU und FDP 1982: „Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland. Es sind daher alle humanitär vertretbaren Maßnahmen zu ergreifen, um den Zuzug von Ausländern zu unterbinden.“

Seit 1980 hatte sich eine Welle rechtsextremer Terroranschläge über der Bundesrepublik ausgebreitet. Bei Brand- und Sprengstoffanschlägen wie dem auf das Münchner Oktoberfest starben dutzende Menschen. In Hamburg und Nürnberg kam es zu Anschlägen und Amokläufen.

Lindenberg wusste, dass nicht alle Neonazis organisiert waren: „Sie marschieren nicht in der Reihe/doch die Front steht wie ein Mann/ja, früher waren’s die Juden/und heute sind die Türken dran“. Zwar waren Ende der siebziger Jahre einige Neonazi-Organisationen aktiv, etwa die sogenannten Wehrsportgruppen oder Michael Kühnens „Aktionsfront Nationales Sozialisten“ (ANS). Doch gleichzeitig gab es eine Szene gewaltbereiter rechtsextremer Skinheads und Hooligans, die organisierte Neonazis als „Scheitelträger“ und Hitler-Nostalgiker verspotteten. Ihre Lust auf Alkoholexzesse und Randale passte nicht in das Schema von Disziplin und Ordnung – trotzdem sahen sie sich als „Kämpfer“ für die Nation: „Nein, sie brauchen keinen Führer/nein, sie können’s jetzt auch alleine“.

Während die linksextreme RAF entschlossen bekämpft wurde, zeigten sich Polizei und Bundesbehörden gegenüber Verbrechen aus der rechten Szene auf geradezu provokative Weise entspannt. Die Bedrohung, die von der Neonaziszene ausging, wurde damals in der breiten Öffentlichkeit längst nicht so deutlich wahrgenommen wie es später in den Jahren nach der Wiedervereinigung mit den Pogromen in Hoyerswerder und Rostock-Lichtenhagen der Fall war. Im Gegenteil, die Bedrohung wurde oft heruntergespielt. Lindenberg singt: „…und viele sagen immer noch: /So schlimm ist das doch wirklich nicht/es ist doch hier weit und breit/kein neues Drittes Reich in Sicht“.

Lindenberg hatte enormen Erfolg. Doch er war noch nicht der allseits anschlussfähige Star, zu dem er nach Bundesverdienstkreuz, Wiedervereinigung und seiner Ballade „Horizont“ wurde. Er galt als links. Die bürgerliche Presse eines verstaubten Westdeutschlands nahm ihm das krumm. Ohnehin waren Rockmusiker damals in den Feuilletons nicht wohlgelitten.

Die FAZ ätzte 1979 gegen Veranstalter und Teilnehmer des ersten „Rock gegen Rechts“-Festivals in Frankfurt, bei dem auch Lindenberg auftrat. Die Zeitung nannte das Publikum „politischen Abschaum“ und schwang sich, ähnlich wie es sechs Jahre später die Zeit in ihrer Konzertkritik tun sollte, zu einer beißenden Gleichsetzung auf, die die Verhältnisse komplett verkehrte: „Die wie uniformiert wirkenden ‚Demonstranten‘ rufen kaum weniger Abneigung hervor als das Auftreten wohlrasierter, stramm gescheitelter Träger von Schaftstiefeln.“