Soul Brother Number One

James Brown: Say It Loud – I’m Black and I’m Proud (1968)

Als am 4. April 1968 der Bürgerrechtler Martin Luther King in Memphis erschossen wird, bricht sich die Wut bahn. Krawalle in 110 Städten, 39 Tote, tausende Verletzte, unzählige Verhaftungen sind die Folge. In Boston hingegen verlaufen die Nächte nach dem Attentat auffällig ruhig. Der Grund dafür ist ein Mann, den die Boulevardpresse gern als unkontrollierbaren Wilden darstellt: James Brown.

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Für den 5. April hatte Brown schon lange ein Konzert in Boston geplant. Sollte man es absagen? Brown und der Bürgermeister werden sich schnell einig, es sogar im Fernsehen zu übertragen. Das soll die Fans von der Straße locken. Der Plan geht auf. In Boston werden an diesem Abend weniger Delikte begangen als in einer normalen Freitagnacht. Brown steht im Zenith seiner Popularität.

Der „Soul Brother Number One“ liefert den Soundtrack zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung. In ihr hat sich ein breites Spektrum gebildet. James Brown gehört zu den Gemäßigten. Bei Präsidentschaftswahlen unterstützt er mal den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Hubert Humphrey, mal den Republikaner Richard Nixon – was ihm Boykottaufrufe einbringt.

Brown hat seine Kindheit in Armut verbracht. Von der Mutter verlassen, wuchs er bei seinem Vater in einer Hütte im Wald auf, später bei seiner Tante, in einem Bordell. Er erlebt, wie Schwarze im Alltag drangsaliert oder zusammengeschlagen werden. Während des Zweiten Weltkrieges tanzt Brown auf der Straße zur Unterhaltung vorbeiziehender Soldaten. Ihm entgeht nicht, dass deutsche Kriegsgefangene auf den Farmen besser behandelt werden als schwarze US-Bürger. „Die US-Regierung zahlte ihnen 80 Cents pro Tag. Das ist mehr als mein Vater meistens bekam“, erinnert sich Brown später.

Erst 1964 hebt Präsident Johnson die Rassentrennung zwischen Schwarzen und Weißen auf. James Brown arbeitet besessen an seiner Karriere. Er ist ein begnadeter Entertainer, verausgabt sich in jeder Show. Und er revolutioniert die Musik. Der Mann, der mit Gospel aufgewachsen und mit Soul groß geworden ist, überführt nun den Soul in den Funk. Seine Musik wird immer rhythmischer, Melodien verlieren an Bedeutung. Oft schreit er mehr als er singt.

Sein stärkstes politisches Statement nimmt James Brown am 7. August 1968 auf, vier Monate nach dem Mord an King. Sein „Say It Loud! I’m Black and I’m Proud“ singt er nicht, er predigt: „Sagt es laut! Ich bin Schwarz und stolz darauf! Immer habe ich für andere gearbeitet. Jetzt ist die Zeit, etwas für uns selbst zu tun!“ Den Refrain bildet immer wieder Brown’s Ausruf „Say It Loud!“, gefolgt von einem Dutzend Kindern, die im Chor antworten: „I’m Black and I’m Proud!“

Brown will schwarze US-Bürger ermutigen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Er ist mittlerweile selbst ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er besitzt einen Radiosender, einen Musikverlag, fungiert als Veranstalter seiner eigenen Konzerte, und er gründet eine Schnellrestaurantkette, deren Filialen er von Schwarzen leiten lässt. In den besten Jahren ist er im Privatjet unterwegs.

„Say it Loud!“ wird nicht von allen geliebt. Zeilen wie „Wir sterben lieber aufrecht als weiter auf Knien zu leben“ kosten James Brown einen Teil seines weißen Publikums. Ironie der Geschichte: Die Kinder, die den Refrain des Songs riefen, hatten die Musiker spontan am Tag der Aufnahme auf der Straße zusammen gerufen. Brown erinnert sich: „Das war ulkig, weil die meisten von ihnen gar nicht schwarz waren. Die meisten waren Weiße oder Asiaten.“