Punkrock für die Bergarbeiter

Billy Bragg: There is Power in a Union (1986)

1984, Großbritannien ist tief gespalten. Margret Thatcher will landesweit Zechen stilllegen und die Wirtschaft des Königreichs dauerhaft umbauen. Sie hat den Gewerkschaften, die ihr schon immer ein Dorn im Auge waren, den Kampf angesagt. Thatcher ist auf eine lange Auseinandersetzung gefasst: Eine Kommission der konservativen Partei hatte schon seit Jahren empfohlen, für den Streikfall Kohlevorräte anzulegen und die Umstellung auf Ölbefeuerung zu fördern. Der Arbeitskampf sollte fast ein Jahr lang dauern.

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Billy Bragg, ein wütender junger Mann aus einem Vorort von London, fährt mit seiner E-Gitarre nach Nordengland, um mit lauter Stimme und dem Feuer des Punkrock die Streikenden zu unterstützen. „Ich hatte immer Musik gehört, in der es um politischen Wandel ging. Hier gab es die Möglichkeit herauszufinden, ob meine Musik in einem wirklichen politischen Kampf irgendeine Bedeutung haben könnte“, erinnert sich Bragg. „Ich war an vorderster Front, und ich wollte wissen, ob Pop und Politik zusammenpassen.“

Bei Bragg passte es. In der Zeit der Streiks veröffentlicht er zwei Alben, die inzwischen gemeinsam unter dem Titel „Back to Basics“ zum Klassiker geworden sind. Die Hälfte der Songs transportiert leidenschaftliche politische Botschaften, die andere Hälfte sind fein beobachtete Beschreibungen zwischenmenschlicher Beziehungen und Schicksale. Mit „A New England“ hatte Bragg einen kleinen Hit.

Auf seinem dritten Album „Talking With the Taxman About Poetry“ singt Bragg eine flammende Hymne auf die Gewerkschaften. Er beschwört die Macht, die Arbeiter ausüben können, wenn sie sich nur gegen die „Bosse“ organisieren: „But it all amounts to nothing if together we don’t stand / There is power in a union“.

Der Song ist Braggs Bearbeitung des patriotischen „The Battle Cry of Freedom“, das während des amerikanischen Bürgerkriegs von den Soldaten der Nordstaaten gesungen wurde. Bragg übernahm die Melodie und verpasste ihr einen auf den Arbeitskampf gemünzten, neuen Text. So steht das „union“ nicht mehr wie im Original für die Konföderation, die die Sklaverei abschaffen will, sondern für die Gewerkschaft.

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Als Billy Braggs Song erscheint, ist der große Arbeitskampf bereits verloren. Thatcher hat sich durchgesetzt, die britischen Gewerkschaften haben sich bis heute nicht von der Niederlage erholt. Braggs Entschlossenheit tut das keinen Abbruch. Gewerkschaften sind Bragg zunehmend wichtiger als politische Parteien. In den ersten Jahren seiner Karriere unterstützt er noch die Labour Party, in einem seiner Songbücher findet sich sogar ein Beitrittsformular. Doch spätestens als Premierminister Tony Blair in den Neunzigern Labour eine wirtschaftsliberale Politik verpasst, sind die Zeiten vorbei.

Billy Braggs Auftritte sind legendär. Meist ist er ohne Band unterwegs, er singt einfach zu seiner E-Gitarre, die er so rotzig spielt wie eh. Seine Ansagen sind oft länger als die Songs, eine unterhaltsame Mischung aus Anekdoten und politischer Agitation. „There is Power in a Union“ spielt er bis heute bei jedem seiner Konzerte. Bragg: „Niemand, keine politische Partei sagt, wir müssen die Arbeiter angemessen bezahlen. Das sagen nur die Gewerkschaften. Mein Song ist heute zu 100 Prozent genauso wichtig wie damals als ich ihn schrieb.“