Der Popstar in Südafrika: zwischen allen Stühlen

Paul Simon: „I Know What I Know“ (1986)

Paul Simon sucht einen künstlerischen Befreiungsschlag. Sein Album „Hearts and Bones“ war ein Flop gewesen, die Hitmaschine stockt. Die Plattenfirma erwartet von ihm keinen großen Wurf mehr. Simon hört immer wieder eine Cassette: Der fröhliche Akkordeon-Jive der Boyoyo Boys aus Südafrika hält ihn ganz gefangen – ein Zeichen! Simon fliegt mit einem Toningenieur nach Johannesburg und spielt dort 12 Tage lang mit südafrikanischen Musikern, mit Ray Phiri, dem Chor Ladysmith Black Mambaso, mit General MD Shirinda & the Gaza Sisters. Er lässt sich ihre Songs vorspielen, stimmt mit ein und strickt seine eigenen Songs um sie herum. Ein unkonventionelles Konzept, doch das Album „Granceland“, das aus diesen Sessions entsteht, sollte Simons größter Hit werden. Politisch hat sich Simon damit zwischen alle Stühle gesetzt.

Paul Simon hat sich mit dem ANC angelegt. Der African National Congress, der damals in Südafrika gegen das Apartheidsregime kämpfte, verfolgte einen strengen, von der UN angeregten Kulturboykott. Aus Solidarität sollten keine ausländischen Musiker in Südafrika auftreten – und keine südafrikanischen im Ausland.

Naiv war Simon nicht. Er hatte Harry Belafonte von seinen Reiseplänen erzählt. Der empfahl ihm, erst das OK des ANC einzuholen und bot ihm sogar an, den Kontakt herzustellen. „Doch es war gegen seinen Instinkt, eine politische Macht um die Erlaubnis zu bitten“, erinnert sich Belafonte später. Paul Simon ahnte, dass er die Erlaubnis ohnehin nicht bekommen würde.

Als er für die Aufnahmen nach Johannesburg fliegt, heißt der Präsident Pieter Willem Botha, das Apartheidsregime war nie so unnachgiebig wie zu diesem Zeitpunkt. Den Texten des Albums hört man die Spannung nicht an. „Ich hatte darüber nachgedacht, politische Songs über die Situation zu schreiben, aber ich kann das ehrlich gesagt nicht so gut“, sagte Simon später. „Als ich mit General Shirinda den Song aufnahm, der zu ‚I Know What I Know‘ werden sollte, fragte ich ihn, worum es in dem Stück geht. Und er sagte: ‚Erinnerst du dich an die sechziger Jahre, als die Mädchen in wirklich kurzen Röcken herumliefen? War das nicht super?‘ Darum ging es. Die Songs waren nicht politisch. Sie waren Popmusik.“

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Paul Simon schreibt ein Album mit Popsongs, erzählt Geschichten aus dem New Yorker Intellektuellenmilieu. Die Musiker, mit denen Simon arbeitet, sehen die Zusammenarbeit als Chance. „Unsere Musik stand immer in der Ecke, sie wurde immer als Dritte-Welt-Musik gesehen. Wenn sie jetzt Teil des Mainstream werden konnte, kommt die Chance so schnell nicht wieder“, erinnert sich später der Produzent Koloi Lebona. Und so hat „Graceland“ sehr wohl eine politische Botschaft: Simon weigert sich, das Stereotyp eines leidenden, von Bürgerkrieg und Hungersnöten geplagten Afrika zu zeigen. Er zelebriert die Schönheit seiner Musik, bringt die Menschen zum Tanzen.

Simon geht mit seinen Musikern schließlich auf Welttournee. Das widerspricht dem Boykott noch expliziter als die Aufnahmesessions. Immer wieder muss er sich auf Pressekonferenzen rechtfertigen. Als die Band in London auftreten soll, erhält Gitarrist Ray Phiri einen Anruf. Exilmitglieder des ANC in London wollen ihn sprechen. „Erklärt es mir wie einem Siebenjährigen“, sagt Phiri ihnen, „Was habe ich falsch gemacht? Ich bin hier das Opfer. Ich lebe in Südafrika. Wie könnt ihr das Opfer jetzt ein zweites Mal zum Opfer machen?“