Über 200 Jahre Trotz

Hannes Wader: »Trotz alledem« (1977)

Juli 1977, auf der Freilichtbühne beim Volksfest der KPD-Tageszeitung „Unsere Zeit“ tritt ein hagerer Liedermacher auf. Hannes Wader, Sohn eines Landarbeiters und einer Putzfrau, zupft die Gitarre wie ein amerikanischer Folk-Sänger und singt dazu ein sozialistisches Kampflied nach dem anderen. Er ist gerade erst der KPD beigetreten, der Deutschen Kommunistischen Partei. Beim Song „Trotz alledem“ singt das Publikum besonders begeistert mit.

Der Titel ist ein Dokument der Enttäuschung: Weder die Proteste der 68er noch die sozialdemokratische Regierung haben – so die Wahrnehmung damals – linken Idealen zur Umsetzung verholfen. Wader prangert auch Berufsverbote an, denn besonders Linke und Kommunisten werden in den 1970er Jahren nach dem Radikalenerlass geprüft, bevor man sie Lehrer oder Professoren werden lässt. Das Establishment gibt sich so schnell nicht geschlagen.

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Wader trifft mit dem Song einen Nerv, vor allem beim Seitenhieb gegen die SPD jubelt das Publikum. Der Mitschnitt des Konzerts erscheint unter dem Titel „Hannes Wader singt Arbeiterlieder“. Viele seiner alten Fans kehren ihm zwar den Rücken, weil er der DKP beigetreten ist. Doch das Album wird zum Klassiker – die Zeit nannte es einmal „Urmeter des sozialistischen Liedguts“.

Einen Titel namens „Trotz alledem“ hatte Wader zwei Jahre zuvor schon einmal auf Platte gepresst. Allerdings noch mit einem ganz anderen Text, der von Ferdinand Freiligrath stammte. Und auch das war nicht die erste Fassung des Liedes. Kaum ein Arbeitersong wurde so oft umgedichtet wie „Trotz alledem“. Nicht einmal die Melodie blieb immer die gleiche.

Seine Geschichte begann 1795 in Schottland: „For a‘ that“ war der erste politische Song, den der Nationaldichter Robert Burns an seinen Verleger schickte. Bis dato hatte er vor allem Liebeslieder geschrieben. Nun forderte er die Unabhängigkeit Schottlands und machte sich für die Abschaffung der Sklaverei stark.

Freiligrath übersetzte das Lied 1843 ins Deutsche, voller Hoffnung auf ein demokratisches Deutschland, errichtet nach den Werten der französischen Revolution: „Ob Armut euer Los auch sei / Hebt hoch die Stirn, trotz alledem! / Geht kühn den feigen Knecht vorbei / Wagt’s, arm zu sein trotz alledem!“ Gesungen wurde „Trotz alledem“ nach einer neuen, von Heinrich Jäde komponierten Melodie, später sogar zum Trinklied „Als Noah aus dem Kasten war“.

Im Sommer 1848 war das Feuer des Aufbruchs erstickt, die Revolution gescheitert. Freiligrath goss seine Enttäuschung noch im Juni in einen neuen Text: „Das war ’ne heiße Märzenzeit / Trotz Regen, Schnee und alledem! / Nun aber, da es Blüten schneit / Nun ist es kalt, trotz alledem! / Trotz alledem und alledem / trotz Wien, Berlin und alledem / Ein schnöder, scharfer Winterwind / durchfröstelt uns trotz alledem!“

Hannes Wader katapultiert den Song vor allem durch die Aufnahme von 1977 in jedes politische Lagerfeuerrepertoir. Auch andere Autoren dichten das Lied um: gegen Atomkraft; gegen die Unterdrückung in der DDR; gegen die Abkehr der FDP von der sozial-liberalen Koalition; gegen Technisierung und Überwachung. Ein rechtsradikaler Liedermacher versucht, den Song an sich zu ziehen, so wie die extreme Rechte immer wieder versucht, sich Codes und Rhetorik linker Popkultur anzueignen.

Und Hannes Wader? Auch ihn lässt der Song nicht los. 2006 textet er ihn erneut um. Sprachlich ist das neueste „Trotz alledem“ nicht mehr so klar und elegant wie Freiligraths Märzenzeit-Lied und Waders 1977er Fassung. Vielleicht, weil es für ein Kampflied ungewöhnlich dialektisch ist: Wader kritisiert den Kapitalismus, lehnt aber den Sozialismus in der Form ab, wie er real existiert hatte. Aus der DKP war Wader schon 1991 wieder ausgetreten.