Tanz die Inflation!

Tabou Combo: Inflación (1975)

Haiti 1969, Albert Chancy besingt sein Auto, oder wohl eher das seiner Eltern, einen Toyota. Der junge Mann aus in Petion-Ville, einem Vorort der Hauptstadt Port-au-Prince, hat gerade die „Tabou Combo“ gegründet. Die Musiker sind Teenager, und als sie in einer Talentshow im haitianischen Fernsehen den ersten Platz belegen, sind sie mit einem Schlag im ganzen Land bekannt.

In der Karibik sind eigentlich große Tanzorchester üblich. Die Tabou Combo ist mit 12 Leuten vergleichsweise sparsam besetzt. Weniger Bläser, dafür eine dominante elektrische Rhythmus-Gitarre. Die Band singt auf Englisch, Spanisch, Französisch und Kreolisch. Sie bedient sich bei Merengue und französischen Quadrilles, sie mischt hypnotische Karnevalstrommeln mit amerikanischem Soul-Funk. „Konpa“ heißt der neue Stil, der schnell zum nationalen Kulturgut wird, die Tabou Combo ist sein bekanntester Vertreter.

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Chancys Eltern sind allerdings der Meinung, Musik sei kein seriöser Lebensunterhalt, sie schicken ihren Sohn 1970 zum Studieren nach Montreal. Die Tabou Combo, ihres Sängers und Gitarristen beraubt, löst sich trotz der Popularität auf – und gründet sich schon ein Jahr später wieder, in New York. Die Band ist am richtigen Ort zur richtigen Zeit: Nirgendwo wurden mehr Calypso-, Mambo- und Salsa-Platten aufgenommen als hier, die Stadt hat bereits Musiker aus Kuba, Panama, Puerto Rico und Trinidad zu Stars gemacht. Die Tabou Combo erspielt sich ein internationales Publikum. Ihr Song „New York City“ wird – das ist zuvor noch keiner Band aus der Karibik gelungen – in Frankreich zum Nummer-Eins-Hit, in Deutschland erreicht das gleichnamige Album immerhin Platz 47.

Der Stern der Tabou Combo geht auf, mit Haiti geht es bergab. 1971, nach dem Tod des seit 1957 regierenden Diktators François „Papa Doc“ Duvalier wird sein 19 Jahre alter Sohn Jean-Claude Duvalier Staatschef. 30.000 Todesopfer fordert „Baby Docs“ Regentschaft. 100.000 gehen, wie die Musiker der Tabou Combo, ins Exil – ein riesiger Brain Drain. Bis Jean-Claude Duvalier 1986 vor einem Volksaufstand an die Côte d’Azur flüchtet, haben er und sein Clan 100 Millionen Dollar Staatsgelder unterschlagen.

Während in Haiti von den Bands erwartet wird, die Errungenschaften der Duvaliers zu besingen, können die Musiker im Exil auch kritische Themen anpacken. 1975, sechs Jahre nach seiner Veröffentlichung, nimmt die Tabou Combo „Toyota“ noch einmal auf. Doch der alte Text kommt den Musikern nicht mehr zeitgemäß vor, ein Toyota ist für die einfachen Bürger Haitis unerschwinglich. Der neue Text, den Roger Eugène auf Spanisch singt, hat nur zwei Strophen, doch die Armutsschere könnte man auch mit vielen Worten nicht besser beschreiben:

„Überall Inflation / Inflation in aller Welt / Und wer Geld hat / wird immer noch mehr davon haben // Überall Inflation / Inflation bringt die Menschen um / Und wer kein Geld hat / bleibt arm, bis er stirbt“.

Ein beherztes „Arrrribaa!“ leitet den langen Tanzpart des Songs ein, denn darum geht es der Band. „Wir wollen, dass die Menschen tanzen und ihre Sorgen vergessen“, sagt Backgroundsänger und Songwriter Yves Joseph. „Inflación“ wird zum Hit.

Die Band gibt es auch 50 Jahre nach ihrer Gründung noch, sie tritt in Frankreich, in den USA und Mexiko auf. Haiti ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt. Größter Arbeitgeber sind der Staat und die zahllosen Hilfsorganisationen, Millionen Haitianer sind in den letzten zwanzig Jahren ausgewandert. Die Inflation ist das Land nie losgeworden. Seit 1991 stiegen die Preise um insgesamt 3.616,79 Prozent.