Schockvideo aus dem Irrenhaus

Childish Gambino: This is America (2018)

Der beschwingte Gospelchor, der zu hören ist, wirkt seltsam zum Bild der verlassenen Fabrikhalle. Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und spielt fröhliche Folk-Arpeggien. Dazu tanzt Childish Gambino mit nacktem Oberkörper, grimassierend und mit unheimlich überzogenen Bewegungen. Dann geht alles ganz schnell: Der Gitarrist hat nun einen Sack über dem Kopf, Gambino zieht eine Pistole aus dem Hosenbund und schießt ihm in den Kopf. „This is America“, singt er, und die Musik kippt an dieser Stelle in einen düsteren Trap-Beat.

Hier zum Video.

Gambino singt und tanzt weiter auf die Kamera zu, gibt die Waffe an einen herbeigeeilten Helfer weiter, der sie auffällig sorgfältig in ein rotes Tuch legt. Um den Erschossenen kümmert sich niemand. „Das ist Amerika. Lass dich bloß nicht erwischen. Guck, was ich angerichtet hab!“

Der Song und das Video gehen so verstörend weiter wie sie begonnen haben. Gambino tanzt in ruckartigen Bewegungen, einzelne Posen sind an Jim Crow angelehnt, eine Karikatur, mit der Weiße im 19. Jahrhundert Schwarze als singende, tanzende und dümmliche Menschen verhöhnten. Bei seinem Tanz wird Gambino fröhlich umschwirrt von einem Ballett junger Leute in Schuluniformen.

Der Beat wechselt zurück ins Beschwingte, bevor der nächste Gewaltausbruch stattfindet: Gambino trifft auf einen Gospelchor und mäht alle Mitglieder mit einem Maschinengewehr nieder. Wieder wird die Waffe sorgfältig in einem roten Tuch entgegengenommen.

Childish Gambino, der bürgerlich Donald Glover heißt, ist kein unbekannter Künstler. Mit seinen ersten Rap-Alben hatte er moderaten Erfolg, ein großer Wurf war ihm noch nicht geglückt. Glover, Sohn eines Postangestellten und einer Pflegerin, wuchs unter Zeugen Jehovas auf, studierte an der Tisch School of the Arts Drehbuch. Er kreierte die Sitcom „Atlanta“ um einen erfolglosen jungen Rapper, spielt dort selbst eine der Hauptrollen und gewann den Golden Globe.

Das Video zu „This is America“ drehte Glover mit Hiro Murai, einem der Regisseure der Serie. Sie trafen einen Nerv: Bereits am Tag der Veröffentlichung wurde es 3 Millionen mal angeklickt, zwei Monate später waren es über 300 Millionen. Und das, obwohl das Video kein leicht verdaulicher Pop ist.

Glover und Murai haben viele Bezüge und Seitenhiebe kunstvoll hineinkodiert, die ein düsteres Gesamtbild der US-Gesellschaft zeichnen. Der Angriff auf den Gospelchor erinnert an den Anschlag von Charleston, wo 2015 ein weißer US-Bürger eine Kirche stürmte und während der Bibelstunde neun Afroamerikaner ermordete.

Andere Hinweise sind versteckter. So sieht der Mann, der am Anfang des Videos erschossen wird, dem Vater von Treyvon Martin ähnlich, dem schwarzen Teenager, der vor acht Jahren von einem privaten Wachmann in einer Gated Community grundlos verfolgt und ermordet wurde.

Es ist kein Zufall, dass Childish Gambino das Video am 4. Mai 2018 veröffentlichte. An diesem Tag hielt die US-Waffenlobbyorganisation NRA ihre Jahreshauptversammlung ab.

Wer sich das Video mehrmals anschaut, entdeckt immer neue Details: Versteckt im Hintergrund der Tanzszene reitet ein Ritter der Apokalypse durchs Bild, jemand stürzt sich von einer Balustrade. Das ist bittere Satire: Rapper,Tänzer, afroamerikanische Entertainer, sie sind Teil der Unterhaltungsindustrie, die von den Misständen im Land ablenkt. Das ist die Rolle, die Amerika ihnen zugesteht.

Am Ende des Videos steht ein Filmzitat, das an den Horrorfilm „Get Out“ erinnert: Mit angstgeweiteten Augen rennt Glover einen dunklen Tunnel entlang, doch vor den gesichtslosen Gestalten, die ihn verfolgen, scheint es kein Entrinnen zu geben. Er ist gefangen im Irrenhaus aus Gewalt, Rassismus und Entertainment.

(Text: Martin Kaluza, Juli 2018)