Eine Band stellt EU-Pässe aus

Bilderbuch: Europa 22 (2019)

Im Frühjahr 1989 baut Ungarn die Zäune und Sicherungen an seiner Grenze zu Österreich ab. Tausende DDR-Bürger nutzen die Gelegenheit zur Flucht in den Westen, Monate bevor die Berliner Mauer fällt. Als die Außenminister Ungarns und Österreichs Ende Juni den Grenzzaun symbolisch durchschneiden wollten, müssen ihre Mitarbeiter suchen, um überhaupt noch ein geeignetes Stück zu finden.

Maurice Ernst, Sänger der österreichischen Indie-Pop-Band Bilderbuch, ist damals ein Jahr alt. Das Europa, in dem er aufwachsen wird, strotzt vor Optimismus und Freude über die die neugewonnene Freiheit. Mit Schwung schreitet die europäische Einigung voran. Die EU wächst Schritt für Schritt. 26 Staaten mit zusammen 400 Millionen Bewohnern schließen sich dem Schengener Abkommen an und bauen die Grenzen untereinander ab.

Ich schließe meine Augen / Und fahr geradeaus / Ich rausche wie ein Wasser / Nichts hält mich mehr auf“ – In „Europa 22“ singt Ernst über dieses grenzenlose Europa und beschwört die Freiheit, nicht groß darüber nachdenken zu müssen.

Die Band veröffentlich den Song 2019. Die Welle der Öffnung ist längst verebbt. Das Denken wird nationalstaatlicher, Europas Optimismus hat Schrammen bekommen.

Zum Video: https://youtu.be/0-xWlLNl7uw

In der Flüchtlingskrise 2015 liegt die Schengen-Idee plötzlich auf Eis. Deutschland führt Kontrollen an der Grenze zwischen Bayern und Österreich ein. Österreich, Dänemark, Schweden und Norwegen folgen. Die EU-Kommission genehmigt die Kontrollen vorübergehend, besteht aber darauf, den Schengen-Status bald wiederherzustellen.

In ganz Europa wittern Rechtspopulisten und EU-Kritiker Morgenluft. Ausgerechnet Ungarn, ein Vorreiter der europäischen Öffnung, hat mit Victor Orbán einen Ministerpräsidenten, der sich explizit gegen die Flüchtlingspolitik der EU-Kommission stellt. Bei den österreichischen Präsidentschaftswahlen setzt sich Ende 2016 der grüne Kandidat Alexander Van der Bellen nur knapp gegen den Rechtspopulisten Norbert Hofer durch. Kurz zuvor haben die Bürger des Vereinigten Königreichs für einen EU-Austritt gestimmt.

Mit dem Song „Europa 22“ will die Band Bilderbuch ein Zeichen setzen. Sie besingt die Freiheit, auf der Autobahn bei Tempo 120 von Land zu Land zu reisen und dabei auf die elektrisierend blauen Schilder zu schauen. Und bei dem Song lässt sie es nicht bewenden.

Wenn man so einen Song liegen hat, muss man sich überlegen: Verleiht man dem etwas mehr Tiefgang mit einem Video, mit einer Aktion, mit einem Foto?“, sagt Maurice Ernst in einem Radiointerview. Die Idee, die Köpfe der Musiker für die Pressearbeit in EU-Pässe zu montieren, spinnen sie schnell weiter: „Hey, das könnte doch jeder machen! Jeder, der einen EU-Pass haben möchte, könnte da ein Selfie hochladen.“ Die „EU-Pässe“ der Band sind online in weniger als einer Minute erstellt.

Die Idee kommt bei den Fans an, über 30.000 basteln sich den Pass und verbreiten ihn über die sozialen Medien. Ein paar deutsche Prominente tun es ihnen gleich: TV-Komiker Jan Böhmermann zum Beispiel, Justizministerin Katarina Barley und Außenminister Heiko Maas. „Es hat uns überrascht, dass sich Politiker so weit hinaus trauen und mit unserer Agenda als Band identifizieren wollen“, sagt Ernst. „Da bekommt es mit einem Kribbeln zu tun.“

Zum EU-Pass der Band:

bilderbucheuropa.love